HSP – High Sensitive Person oder liegt es nicht an mir?

Fühlst du dich auch manchmal überfordert von all den Sinneseindrücken, die auf dich einprasseln? Hast du auch oft das Bedürfnis, dich zurück zu ziehen und mehr Zeit mit dir selbst zu verbringen – in Ruhe und Stille? Neigst du dazu, dich anderen anzupassen und ihre Wünsche schon im Vorfeld zu erahnen? Und spürst du dich selbst aufgrund dessen in Gesellschaft eher schlecht als recht? Gehst du über deine Grenzen? Es gibt ein Wort für Menschen, die sensibler als die breite Masse sind. Hochsensibel heißt es und es beschreibt die Verarbeitung der Eindrücke von außen, welche bei Betroffenen zu höherem Stress führt, als bei anderen Personen. Ich fühle mich dem durchaus zugehörig, kann verstehen wie man sich fühlen muss: Ich selbst brauche auch viel Zeit für mich, liebe es alleine zu sein und habe oft das das Gefühl, mich erholen zu müssen, nachdem ich beispielsweise auf einer Hochzeit war. Aber bin ich deshalb hochsensibel? Oder ist es vielleicht einfach die heutige Zeit?

Unsere Zeit und ihre Reize

In einer Welt wie unserer als hochsensibel zu gelten, stelle ich mir als große Herausforderung vor. Von Nachrichten und Medien überflutet, von Menschenmassen umgeben und von Eindrücken, die nach Aufmerksamkeit schreien umringt – all dem sind wir ausgeliefert, wenn wir uns in die Welt hinaus wagen. Vielleicht nicht überall – auf dem Lande ist es sicherlich noch ruhiger als in der Großstadt. Aber insgesamt ist viel los: wir sind immer erreichbar, sind dauernd vernetzt und können selbst des Nachts im Internet surfen. Wir werden überschwemmt mit Nachrichten aus aller Welt – zumeist grauenhafte, die uns ängstigen. Ich glaube, dies alles sind auch bereits für Normal-Sensible Personen Herausforderungen. Bist Du aber feinfühliger, nimmst tendenziell noch mehr Informationen auf und liest zwischen den Zeilen: Wie kommst du da heute noch zur Ruhe? Ich denke, hier hilft nur eine gute Verbindung zu sich selbst. Dass du weißt, was dir gut tut und du dir auch erlaubst, dafür einzustehen. Gerade aber hochsensible Menschen neigen dazu, es anderen recht zu machen – sie nehmen die Empfindungen ihres Gegenübers stärker wahr. Haben eine Art siebten Sinn und können sich immer in die Lage des Anderen hinein versetzen – vergessen sich dabei aber gerne mal selbst. Besonders, wenn Freunde und Familie nicht so empfindsam sind wie du, wurdest du mit Sicherheit schon einmal verletzt: Weil sie deine Eigenart nicht verstehen, weil du „dich nicht so anstellen sollst“.

Durch ein solches Unverständnis in der Kindheit haben wir gelernt uns anzupassen, um nicht nochmal verletzt zu werden. Ich kann mich deutlich daran erinnern, dass ich als Kind recht empfindlich war. Dass ich viel wahrgenommen habe, am liebsten draußen in der Natur war, wo ich meine Ruhe hatte. Ich habe damals oft nach versteckten Pfaden und geheimen Orten gesucht, an denen man mich nicht sieht. Mir war damals nicht klar wieso, aber ich wollte lieber für mich sein. Ich weiß auch noch sehr gut, dass es mal Sätze gab wie: „Sei nicht so empfindlich“ oder „Du wirst bestimmt wieder krank“, wenn ich besonders emotional war. Ich konnte sogar mit einer Ameise mitfühlen und weinen, wenn ich etwas unfair fand. Und ich hatte riesige Angst vor der Schule, musste mehrmals abgeholt werden, weil ich weinte und nach Hause wollte. Meine Eltern versuchten mit allen Mitteln, mir dabei zu helfen, es leichter zu machen. Aber schlussendlich fühlte ich mich dort weder sicher, noch geborgen. Ich weiß noch genau, wie ausgeliefert ich mir vorkam. War ich sensibler, gar hochsensibel? Darüber habe ich nie nachgedacht.

Der Versuch, sich der breiten Masse anzupassen

Ich konnte leider nichts gegen die Schulpflicht tun also schaffte ich mir ein dickeres Fell an. Was blieb mir auch anderes übrig? Ich überspielte meine Unsicherheit, wurde lauter und baute einen Schutz um mich, indem ich forsch, frech und laut wurde. Ich wollte mich nie wieder so unverstanden und verletzlich fühlen. Ich machte alles, um dazu zu gehören. Ich interessierte mich nicht für Telenovelas und dergleichen, gaukelte aber schließlich Interesse vor, weil ich dazu gehören wollte. Und so passte ich mich immer mehr an, bis das ganz normal für mich war. Ich habe das gar nicht mehr wahr genommen und versuchte, zu den coolen Kids zu gehören. Das alles wurde zur Normalität und ich wurde erwachsen. Ich wirke – glaube ich – auf die meisten Menschen, die mich weniger gut kennen, selbstsicher und taff. Zumindest war das in meinen 20ern so. Zu laut, zu wild, zu frech wurde mir oft gespiegelt. Mag durchaus sein.

Als ich 29 wurde veränderte sich das alles. Ich glaube, ich habe zu lange meine wahren Bedürfnisse unterdrückt. Es ging mir eine Zeit lang gar nicht gut, ich war mit allem völlig überfordert. Und als ich damit fertig war, bin ich irgendwie nicht mehr die alte Jule gewesen. Ich wurde zu jemand feinfühligerem, sensibleren. Konnte plötzlich nicht mehr alles so leicht weg stecken, nicht mehr easy mit allem umgehen. Ich war nicht mehr in der Lage, all die Empfindungen zu unterdrücken und wegzuschieben. Es war alles aus mir heraus geplatzt und wollte sich danach nie wieder beruhigen. Ich weiß noch – und das ist auch heute noch so – dass ich mich oft wie zerrissen fühlte: Die schroffe Version im Außen und die so tiefgründige empfindsame im Inneren. Ich glaube ganz oft, dass ich andere damit überrasche, wenn ich so offen bin. Wenn ich weine, weil ich mit jemandem mitfühle. Wenn ich sogar vor Freude sehr leicht zu weinen beginne. Wenn ich einfach all meinen Emotionen freien Lauf lasse. Denn man kennt mich eher wütend und barsch. Ein Mädel ausm Pott eben. Doch frage ich mich heute: Bin ich hochsensibel? Bin ich es geworden? Oder war ich es schon immer? Oder ist es einfach heutzutage zu viel – tendenziell für uns alle? Ich fühle mich auf jeden Fall zu sehr vielen Beschreibungen hingezogen, die HSP erklären. Vieles trifft auf mich zu – auch wenn ich sicher bin, dass es manche deutlich stärker empfinden als ich. Dass es Menschen gibt, die „richtige“ HSPs sind – die da bestimmt viel mehr als ich resonieren und mehr Schwierigkeiten mit all den Reizen der Neuzeit haben.

Trotzdem: ich ordne mich selbst in diesen Bereich ein. HSP zu sein kann viele Facetten haben und sich unterschiedlich ausprägen und zeigen. Wo ordnest Du Dich ein? Es gibt eine wundervolle Instagram Page: @sonne.in.mir – Jessica beschäftigt sich genau mit diesem Thema und ich finde, sie hat großartigen Input dazu. Wer sich das Thema HSP einmal näher ansehen möchte, ist bei ihr genau richtig.

Nichts mehr zurück halten

Das Schwierige ist, dass eine Überanpassung stattfindet. Dass Kinder, die sehr empfindsam waren versucht haben, sich anzupassen, um nicht mehr verletzt zu werden. Ich sag es euch: Ich bin es so leid, das alles zu unterdrücken. Ich habe keine Lust mehr, denn ich tue genau das immer noch so oft. Unfassbar. Ich tue so, als wäre es anders. Fakt ist aber: Ich brauche mehr Zeit für mich – weshalb ich, glaube ich, auch immer von meinen Freunden eingeladen werde und niemals selbst einlade. Es tut mir so leid Leute, ich mache das nicht gegen Euch. Ich habe einfach nur seltener das Bedürfnis mich zu treffen. Liebe die Zeit für mich. Liebe es, Dinge für mich allein zu tun. Ich hasse Whatsapp und noch mehr hasse ich Gruppenchats. Ich habe ein separates Handy, auf dem ich Whatsapp installiert habe, damit ich das besser für mich strukturieren kann. Ich will nicht den ganzen Tag erreichbar sein. Will nicht in Gruppen über Sachen diskutieren, die mich nicht interessieren. Ich habe kein Facebook mehr, weil ich mich selbst erwischte, wie ich nur Hasskommentare las und mich fragte, was ich hier tue? Ich will nicht auf Abruf bereit stehen, will mich frei entfalten können. Ich will mich nicht immer fragen, was andere wohl von mir erwarten mögen, um dem dann zuvor zu kommen. Ich wünsche mir, dass man mir sagt was man sich wünscht. Sagt, wenn man was braucht, mich vermisst oder sonst was, anstatt mich zu verurteilen und in Unverständnis unter zu gehen anstatt einfach mal zu fragen. Ich habe Hobbies: Yoga und das Schreiben dieses Blogs, die mich erfreuen und mit denen ich so gerne meine Zeit verbringe. Natürlich geht dafür auch echt viel Zeit drauf, aber ich lege augenblicklich einfach keinen großen Wert mehr auf Besaufen am Wochenende und Essen gehen. Ich gehe lieber zur Massage oder mit dem Hund in den Wald. Und ich hab keine Lust mehr, mich mit all dem zurück zu halten und das zu leugnen. Unter aufgesetzten und unechten Menschen fühle ich mich unwohl. Ich gucke wenig Nachrichten, weil ich einfach nicht raffe wieso ich mir das elende Leid immer und immer wieder reinziehen sollte. Wieso die Berichterstattung nur negativ ist. Wieso nur über das schlechte in der Welt berichtet wird. Es gibt sooooo viel gutes da draußen! Um es abzuschließen: Ich bin irgendwie speziell. Vielleicht war ich das schon immer, vielleicht bin ich es erst geworden: wer weiß das schon. Das spielt auch keine Rolle. Fakt ist: Ich liebe es, so zu sein. Ich mag mich so. Ich mag mein Leben so. Und das wünsche ich jedem von Euch 🙂

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Ein Gedanke zu „HSP – High Sensitive Person oder liegt es nicht an mir?

  • 13. Oktober 2022 um 19:36 Uhr
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    Wow, Danke für die Offenheit und ehrlichen Worte👍🙂

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